Kino als Lernort: "Von Menschen und Göttern"
Die Ereignisse in der arabischen Welt haben uns Ethiklehrer zu einem Kinobesuch ermutigt, um mit unseren Schülerinnen und Schülern den in Frankreich erfolgreichen Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ in Zusammenarbeit mit dem Balikino zu sehen. Eine Extra-Vorstellung für alle Ethikkurse der Paul-Julius-von-Reuter-Schule. Punkt14.00 Uhr ging der Kinovorhang auf, wurden wir entführt in eine andersartige Welt, die wir so gar nicht kennen.
Worum geht es in diesem Film?
Der Film schildert mit sparsamen Handlungen und mit langen meditativen Einstellungen die wahre Lebensgeschichte der Mönche des Zisterzienserordens im Kloster von Tibhirin in Algerien:
„Mit den Hühnern stehen sie auf, und mit der letzten Abendsonne gehen sie zu Bett.Sie singen und beten und schweigen. Sie bestellen ihr Feld oder kümmern sich wie Bruder Luc auf ihrer Krankenstation um die Dorfbevölkerung. Dann singen und beten und schweigen sie wieder.
Der Spiritus Rector ist Christian, der Abt. Er ist ein charismatischer Intellektueller,der die halbe Nacht am Schreibtisch hockt, neben ihm der Koran und die Legendensammlung DieBlümlein des Franz von Assisi. Christian liest die beiden Bücher synoptisch, weil er nicht das Trennende zwischen Islam und Christentum sucht,sondern das Gemeinsame, nicht den Krieg, sondern den Frieden. Für ihn gehören die Weltreligionen zusammen, denn alle hätten denselben Gott.
Einmal sagt Christian, er kenne die »Verachtung, mit der man dieses Volk pauschal behandelt. Ich weiß auch von den Karikaturen des Islams, zu denen der Islamismus verleitet.« Der Abt kennt den Koran, auch deshalb genießt er die Achtung der Dorfbevölkerung und wird zu ihren Feiern eingeladen. »Vergib uns,und erbarme dich unser«, betet der Imam beim Beschneidungsfest, und die Trappisten beten es auch.
Die Mönche scheinen ihren Frieden gefunden zu haben, doch der Schein trügt. Eine seltsame Unruhe legt sich über ihren Alltag, eine Scheibe zerbricht, Misshelligkeiten nehmen zu, es gibt Vorahnungen und Vorgefühle. Es ist das Jahr 1993, in Algerien herrscht Bürgerkrieg. Die islamische Heilspartei FIS und die Fundamentalisten der »Islamischen Armee« GIA terrorisieren das Land. Zwei Jahre zuvor hatte die FIS die Parlamentswahlen in Algerien gewonnen, aber ein Militärputsch verhinderte, dass sie an die Regierung kam. Der Krieg rückt näher; in der Nähe des Klosters töten Islamisten 14 kroatische Gastarbeiter,ein Mädchen wird ermordet, weil es keinen Schleier trug. Die Wunden des Algerienkriegs platzen wieder auf. In den Augen der Islamisten sind die Mönche die religiösen Fußtruppen des verhassten Westens, der Demokratie sagt und Militärdiktatur meint. Auch dem brutalen algerischen Militär ist das Kloster ein Dorn im Auge, und wenn die Soldaten keine Uniform trügen, wären sie von den islamistischen Killern kaum zu unterscheiden. Oder in der Sprache des Films: Beide, Militär wie Islamisten, gebärden sich als tyrannische »Götter«, sie verlangen nach Blut und Opfer.“ (Die „Zeit“)
In einer Nacht- und Nebelaktion werden sieben der neun Mönche offenbar von einem Kommando islamistischer Terroristen entführt - und (offener) Schluss des Spielfilms.
Wie man mittlerweile aber weiß, sind die Mönche ca. zwei Monate nach ihrer Entführung enthauptet worden. Nach offizieller Version der algerischen und französischen Behörden werden die islamistischen Entführer dafür verantwortlich gemacht. Allerdings wurde diese amtliche Bekanntmachung von kritischer Beobachterseite schnell angezweifelt und in der internationalen Presse kontrovers diskutiert.
Die Fortsetzung der Beschäftigung mit dem Thema des Films, aber auch den Umwälzungen im arabischen Raum werden wir am 21.März 2011 in der Aula unserer Schule mit dem renommierten Politikwissenschaftler und Nordafrikaexperten Prof. Dr. Werner Ruf gestalten.
Fazit: Der Film sprengte die gewohnten „cineastischen“ Sehgewohnheiten der meisten Schülerinnen und Schüler, dennoch konnten sie sich einlassen und Eintauchen in eine meditative Bilderwelt, in der das religiös und kulturell andersartige Leben der Mönche und der algerischen Dorfbewohner dargestellt wurde. Und wir sind optimistisch, dass auch die anspruchsvolle Anschlussveranstaltung mit Prof. Werner Ruf positiv aufgenommen wird.
Impressionen vom Kinobesuch:
